Frühjahrssituation - das Altschneeproblem verlangt aber weiterhin eine gewisse Vorsicht! - Analyse des Lawinenunfalls an der Grabspitze im Pfitschertal, 05.04.2026

 Die Lawinengefahr aufgrund des Nassschneeproblems steigt im Tagesverlauf an: Touren müssen zeitig begonnen und früh beendet werden. Schwachschichten in der Schneedecke stellen weiterhin eine latente Gefahr dar.

Seit dem vergangenen Wochenende (Samstag, 4. April) liegt die Nullgradgrenze bei 3000 m, was milde Temperaturen und frühlingshafte Verhältnisse mit sich bringt. Unter diesen Bedingungen muss die Lage täglich sorgfältig beurteilt werden: Selbst kleine Veränderungen der Wetterbedingungen (klare oder bewölkte Nacht, Zunahme der Bewölkung und der Temperatur im Laufe des Tages, Höhe der Wolken und der Nullgradgrenze, Luftfeuchtigkeit usw.) können die Lawinengefahr stark beeinflussen.

In klaren Nächten mit trockenen Luftmassen kann die Schneedecke sehr gut ausstrahlen und oberflächlich wiedergefrieren, damit sind die Bedingungen in der Früh günstig. Ist dagegen die Nacht bedeckt und die Luft feucht ist die Ausstrahlung stark reduziert, die Schneedecke kann nicht wiedergefrieren und die Bedingungen sind somit schon in der Früh ungünstig.

In Langtaufers gab es nordseitig bis 2700 m hinauf perfekten Firn, darüber war die Schneedecke noch pulvrig. (Foto: Josef Plangger, 07.04.2026)

Auf harten, gefrorenen steilen Schneeoberflächen besteht vor allem am Vormittag Abrutsch- und Absturzgefahr. Allgemein ist die Schneeoberfläche kleinräumig sehr unterschiedlich, in mittleren Lagen (zwischen 1000 und 2000 m) liegt in Sonnenhängen kaum mehr Schnee.

In den Dolomiten lag in diesem Winter nur wenig Schnee. Mittlerweile liegt am Schneemessfeld Ciampinoi auf 2150 m kein Schnee mehr.
Dort wo es mehr geschneit hat, wie in Langtaufers am Reschen, liegt die Schneehöhe knapp über dem langjährigen Mittel.
In Sonnenhängen liegt nur mehr wenig Schnee. In der Höhe und in Schattenhängen ist es teilweise noch schön winterlich. (Foto: Josef Plangger, 08.04.2026)

Weiterhin sind Schwachschichten in der Schneedecke teilweise noch störungsanfällig, dies vor allem in Steilhängen der Exposition West über Nord bis Ost: Lawinen können von Personen jedoch nur in wenigen Punkten ausgelöst werden, im ungünstigen Fall sind dabei aber durchaus größere Lawinen möglich (so wie es beim Lawinenunfall an der Grabspitze im Pfitschertal passiert ist, wird am Ende des Blogs genauer analysiert).

Schneedeckenuntersuchung auf 2230 m im Mittagstal in der Sella Gruppe an einem nordwest-exponierten Hang. Beim Stabilitätstest (ECT) konnte ein Bruch mit Fortpflanzung beim 3. Schlag aus dem Ellbogen (ECTP13) initiiert werden. Der Bruch passierte in einer Schwachschicht aus kantig, abgerundeten Kristallen unterhalb der vom Wind beeinflussten Oberfläche.
Schneedeckenuntersuchung oberhalb der Bambergerhütte - Rif. Boe auf 2965 m in einem nordwest-exponierten Hang. Beim ECT-Test konnte auch hier ein Bruch mit Fortpflanzung beim 3. Schlag aus dem Ellbogen initiiert werden. In diesem Fall fand der Bruch in der schwachen Basis aus Becherkristallen statt.

Wir haben viele Rückmeldungen über Nassschneelawinen aus dem Gelände bekommen, teilweise waren die Lawinen auch mittelgroß:

Spontane, nasse Lockerschneelawinen in Nordhängen auf ca. 2600 m in der Nähe des Skigebiets Pfelders im hinteren Passeiertal. (Foto: Thomas Brunner, 05.04.2026)
Mittelgroße Schneebrettlawine (Größe 2), die wahrscheinlich von einer Lockerschneelawine ausgelöst wurde. Exposition Nordwest, Anbruchhöhe ca. 2500 m, Blick Richtung Schneebigen Nock in der Rieserferner Gruppe in Rein in Taufers. (Foto: Anna Siebenbrunner, 06.04.2026)
Eine nasse Lawine hat die Straße am Antholzer See erreicht. Anbruch unterhalb der Waldgrenze, Exposition Nordwest. (Foto: Rudi Leitgeb, 06.04.2026)
Nasse Lawine vom Vortag in einem Westhang im Aufstieg zur Falbenairspitze in Langtaufers. (Foto: Josef Plangger, 06.04.2026)
Spontane, nasse Lockerschneelawinen mittlerer Größe (Größe 2) in nordost-exponiertem Gelände auf ca. 2000 m in der Nähe der Rotwand in Sexten. (Foto: Ewald Beikircher, 07.04.2026)
Nasse Lockerschneelawinen mittlerer Größe im südost-exponierten Gelände Richtung Bildstöckljoch im hinteren Schnalstal. (Foto: Ludwig Gorfer, 08.04.2026)

Ausblick

Heute, Freitag, 10. April, wird eine schwache Kaltfront aus nördlicher Richtung ein paar Zentimeter Neuschnee am Alpenhauptkamm bringen. Mehr Neuschnee gibt es voraussichtlich Anfang nächster Woche mit einer südlichen Anströmung, der Wind weht dabei mäßig bis stark.

Neuschneevorhersage für die Ortlergruppe auf ca. 2625 m. (Quelle: Geosphere Austria)

Analyse des Lawinenunfalls an der Grabspitze im Pfitschertal, 05.04.2026

Ein Skitourengeher befand sich im Aufstieg zur 3059 m hohen Grabspitze, als er von einer Schneebrettlawine mitgerissen wurde. Die Bergrettung wurde von einem Augenzeugen alarmiert und konnte den Skitourengeher mittels LVS-Suche und Oberflächensuche ausfindig machen. Der Verschüttete war teilweise verschüttet, kritisch (der Kopf und damit die Atemwege waren unter den Schneemassen begraben), Verschüttungstiefe ca. ein halber Meter. Die Person wurde in kritischem Zustand ins Krankenhaus geflogen, verstarb dort aber leider nach drei Tagen.

Es handelt sich um eine große Schneebrettlawine (Größe 3), die sich an einem nach Westen ausgerichteten Hang auf ca. 3000 m Höhe mit einer Neigung zwischen 36° und 40° gelöst hat. Die Höhe des Anbruchs betrug teilweise bis zu 2 m; der Grund für diese Lawine ist wahrscheinlich ein oberflächennahes Altschneeproblem (siehe dazu https://lawinen.report/blog/at-07-de/14507).

Foto der Unfalllawine von der Flatschspitze aus gesehen. (Foto: Daniel Windisch, 05.04.2026)
Ablagerung der Lawine mit Rettungsmannschaft vor Ort. (Foto: Christian Geyr, 05.04.2026)

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