Neuschnee und Wind haben zu einem Anstieg der Lawinengefahr geführt - Lawinenunfallanalysen

 Die Bedingungen für Touren sind teilweise gefährlich, Vorsicht ist geboten. Der frische Triebschnee ist teils spröde und störungsanfällig, das Altschneeproblem ist weiterhin latent vorhanden.

Am Mittwoch (25. März) überquerte eine Kaltfront von Nordwesten her das Land und brachte Schneefall, Wind und einen deutlichen Temperaturrückgang mit sich. Die Schneefälle betrafen vor allem den Norden des Landes: Während in den Dolomiten nur etwa 5 bis 15 cm, lokal auch etwas mehr, Neuschnee gefallen ist, fielen vor allem am östlichen Alpenhauptkamm und in der Rieserfernergruppe bis zu 40 cm Neuschnee. Während dem Schneefall wehte der Wind stürmisch bis orkanartig aus nördlichen Richtungen.

Schneehöhendifferenz (Setzung inklusive) zwischen 01.00 Uhr Mittwoch und 01.00 Uhr Donnerstag (26. März). Die Werte in den Kreisen, sind jene Werte, welche von den Wetterstationen gemessen wurden. Die eingefärbten Flächen hingegen wurden ausgehend von diesen Messwerten mit Hilfe eine Modells berechnet. Die Messwerte sind aufgrund von Schneeverfrachtungen durch den Wind mit Vorsicht zu betrachten: Der Neuschnee der letzten Tage wurde vom stürmischen Wind intensiv verfrachtet.
Höhenwind auf 3000 m am Donnerstag, 26. März, um 9.00 Uhr: Der Wind wehte stürmisch bis orkanartig.
Windgeschwindigkeit und -richtung sowie Temperaturen, gemessen am Rauhjoch auf 2926 m im Passeiertal. Man erkennt, dass am Mittwochabend (25. März) durch die Kaltfront die Temperaturen rapide sanken und Windböen bis zu 100 km/h gemessen wurden.
Die Schneedecke ist stark vom Wind beeinflusst, wie hier am Tisenjoch (Ötzifundstelle), im hinteren Schnalstal (Foto: fotowebcam.eu).

In den Hauptniederschlagsgebieten wurde am Donnerstag die Lawinengefahr als groß - Stufe 4, bewertet. Die Triebschneepakete, welche sich mit dem stürmischen Wind oberhalb der Waldgrenze gebildet haben, wurden auf einer ungünstigen Altschneeoberfläche abgelagert (in Schattenhängen teilweise auf Oberflächenreif) und sind in allen Expositionen störungsanfällig.

Auch die langlebigen Schwachschichten (Altschneeproblem) in der Schneedecke - sowohl jene in der Basis der Schneedecke als auch Schichten aus eingeschneitem Oberflächenreif - sind teilweise noch störungsanfällig: Lawinen können an einigen Stellen von einzelnen Wintersportler:innen ausgelöst werden und auch groß werden.

Kurzer Rückblick

In der Nacht von Samstag (21. März) auf Sonntag (22. März) hat eine südliche Anströmung bis zu 20 cm Neuschnee gebracht, zum Teil auch mehr. Der Wind wehte schwach bis mäßig aus südlichen Richtungen.

Schneehöhendifferenz (Setzung inklusive) zwischen Samstag, 01.00 Uhr und Sonntag (22. März) 01.00 Uhr.
Am Hohenferner im Aufstieg zur Köllkuppe im Martell gab es vom 21. auf den 22. März um 30 cm Neuschnee. (Foto: Matthias Gutwenger, 22.03.2026)
Oberflächenreif wurde beobachtet, hier im Bild aus Kurzras im hinteren Schnalstal. (Foto: Ludwig Gorfer, 23.03.2026)
Oberhalb von ca. 2600 m konnte man wie hier am Reschenpass an der Mittereggspitze schönen Pulverschnee genießen. (Foto. Josef Plangger, 25.03.2026)
Am Mittwoch 25.03.2026 haben wir uns mit unseren italienischen Lawinenwarnkollegen der AINEVA getroffen und haben oberhalb der Zufallhütte Schneedeckenuntersuchungen durchgeführt. Bei diesem ECT Test konnte beim 10. Schlag aus dem Ellbogen ein Bruch mit Fortpflanzung in einer Schwachschicht aus kantigen Kristallen initiiert werden. Beim dritten Schlag aus der Schulter reagierte auch die schlechte Basis aus Becherkristallen mit einem Bruch samt Fortpflanzung. (Video: Lawinenwarndienst Südtirol, 25.03.2026)

Hier einige Lawinenmeldungen aus dem Gelände:

Spontane Schneebrettlawine (Größe 2) in einem nordostexponierten Hang auf ca. 2850, am Stotz im Schnalstal. (Foto Ludwig Gorfer, 23.03.2026)
Mittelgroße ausgelöste Schneebrettlawine (Größe 2), im südostexponierten Gelände auf ca. 2900 m an der Schneespitze in Rein in Taufers. Genau an dieser Stelle kam es Anfang Jänner 2015 zu einem Lawinenunfall mit zwei Todesopfern. (Foto: Manuel Dejaco, 20.03.2026)
Spontane Lawine im sonnigen Gelände aus den Vortagen. Diese Lawine ist bis zum Boden durchgebrochen. Bild aus dem Schnalstal im Aufstieg zum Langgrubjoch. (Foto: Martin Abler, 21.03.2026).

Kurzer Ausblick

Neuschneevorhersage für die südliche Stubaier Alpen auf 2233 m (Quelle: Geosphere Austria)

Anfang nächster Woche fällt etwas Schnee, durch den Wind werden frische Triebschneepakete erwartet.

Unfallanalyse Schneebiger Nock (3358 m) - Sand in Taufers, 20.03.2026

Eine Skitourengeherin begann gerade ihren Abstieg vom Gipfel des Schneebigen Nockes in Rein in Taufers in der Rieserfernergruppe als sie von einer kleinen Schneebrettlawine aus frischem Triebschnee mitgerissen wurde. Die Frau stürzte mit der Lawine ca. 600 m über die Ostwand ab. Sie konnte erst zwei Tage nach dem Unfall am Fuß der Wand von Schnee begraben geortet und geborgen werden.

Links unterhalb der Person sieht man den Anbruch der kleinen Lawine. (Foto: Lukas Kremser, 21.03.2026)
In diesem Bild sieht man die Sturzbahn der Lawine durch die Ostwand des Schneebigen Nockes mit der Fundstelle der Frau. (Foto: Bergrettung Sand in Taufers, 23.03.2026)

Unfallanalyse Ruderer Berg (2486 m) - Ratschings, 21.03.2026

Am vergangenen Samstag kam es zu Mittag am Ruderer Berg in Ridnaun zu einem tragischen Lawinenunfall mit vier Todesopfern.

Zum Unfallzeitpunkt befanden sich mehrere Personen im Hang, einige befanden sich in der Abfahrt (eine Zweiergruppe), andere noch im Aufstieg (eine Zweiergruppe und eine Gruppe aus sieben Personen). Es wurden mindestens neun Personen von der Lawine mitgerissen, acht Personen wurden total verschüttet, eine Person kritisch teilverschüttet (ein Arm war noch sichtbar).

Infobox:
"total verschüttet": Der ganze Körper einer Person ist vom Schnee begraben.
"teilverschüttet, kritisch": Der Kopf und somit die Atemwege sind vom Schnee begraben, andere Körperteile sind an der Oberfläche.
"teilverschüttet, nicht kritisch": Kopf und somit Atemwege sind an der Oberfläche, andere Körperteile stecken im Schnee.
"an der Oberfläche": Der gesamte Körper ist an der Oberfläche.

Bei der Lawine handelt es sich um eine große Lawine (Größe 3). Im nordexponierten Anbruchgebiet auf 2380 m war es 38° steil, der Anbruch war zwischen 80 und 120 cm hoch. Im oberen Bereich lag die Breite bei 30 m, im unteren Bereich bei 80 m. Vom Anbruch bis zum tiefsten Punkt der Ablagerung wurden 300 m gemessen, der Höhenunterschied betrug ca. 130 m.

Foto der Unfalllawine. Die Lawine wurde bei der Fotoaufnahme inzwischen etwas überschneit, ist aber noch gut erkennbar. (Foto: Lawinenwarndienst Südtirol, 23.03.2026)

Zwei Tage nach dem Unfall wurde ein Lokalaugenschein mit Schneedeckenuntersuchung durchgeführt:

Schneedeckenuntersuchung direkt an der Anbruchkante der Lawine auf ca. 2380 m. An der Oberfläche lagerte etwas Neuschnee, der erst nach dem Unfall gefallen ist. Darunter findet man etwas Triebschnee (kleine, runde Kristalle), in der Folge trifft man auf drei Schichten von eingeschneitem Oberflächenreif, die durch härtere Schneeschichten aus kantigen und kantig abgerundeten Kristallen getrennt sind. In diesen Schichten konnten bei den Stabilitätstest nur Brüche ohne Fortpflanzung initiiert werden (ECTN). Auch wenn, der ECT in der schwachen Basis erst beim 28. Schlag reagiert hat, ergibt eine genaue Betrachtung der Anbruchkante der Lawine, dass die Lawine unterhalb der Kruste von Anfang Dezember in der schwachen Basis aus Becherkristallen (Schwimmschnee) gebrochen ist. Grund für diese Unfalllawine ist somit, wie so oft diesen Winter, das latente Altschneeproblem. (Quelle: lawis.at).
Hier das Bild zu obigem Schneeprofil. Im mittleren Teil der Schneedecke sind die drei Schichten aus Oberflächenreif schön zu sehen, auch die schlechte Basis aus Schwimmschnee unterhalb der Kruste sticht ins Auge. (Foto: Lawinenwarndienst Südtirol, 23.03.2026)

Die Lawine ist im oberen Teil der Sturzbahn bis zum Boden durchgebrochen (Hinweis auf das Altschneeproblem), was in folgendem Bild gut ersichtlich ist:

Anbruchgebiet der Unfalllawine. Der Hang wurde schon am Vortag begangen und war somit bereits verspurt. (Foto: Bergrettung Ridnaun-Ratschings, 21.03.2026)

Unfallanalyse Wiesjagglkopf (3128 m) - Graun im Vinschgau, 24.03.2026.

Ein Skitourengeher fuhr unterhalb des Wiesjagglkopf in Langtaufers am Reschen ab, als er von einer Schneebrettlawine mitgerissen wurde. Er konnte den Lawinenairbag aktivieren und wurde nicht verschüttet und nicht verletzt.

Es handelt sich hier um eine mittelgroße Lawine, die in einem Nordwesthang auf ca. 2900 m in ca. 36° bis 40° steilem Gelände angebrochen ist.

Bild der Unfalllawine, die hier noch in Bewegung ist, wie man am unteren Teil der Lawine sehen kann (Staubanteil). Der rote Punkt zeigt die Person mit aufgeblasenem Airbag. (Foto: Martin Santeler, 24.03.2026)

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