Heimtückische Lawinensituation - Schneedeckenanalyse der Lawinenunfälle an der vorderen Schöntaufspitze am 05.02.2026 und am Plattinger am 08.02.2026

 Rückmeldungen aus dem Gelände bestätigen die markante Lawinengefahr. Winterportler:innen müssen zurzeit vorsichtig unterwegs sein.

Gestern Abend, 10. März hat eine Störung aus West Schneefälle ins Land gebracht. Bis Donnerstag Abend werden vor allem am Alpenhauptkamm und in der Ortlergruppe bis zu 15 cm Neuschnee erwartet. Begleitet wird das Niederschlagsereignis von mäßigem bis starkem Wind aus westlichen Richtungen.

Nueschneevorhersage für den Zeitraum 10.02.2026. 01.00 Uhr bis 13.02.2026, 01.00 Uhr.

Frischer Triebschnee wird auf einer ungünstigen Oberfläche abgelagert (am Wochenende bekamen wir viele Rückmeldungen über Oberflächenreif), die Lawinengefahr steigt somit etwas an.

Aktuelle Situation

ANch den letzten Schneefällen ist es nun endlich möglich auf Skitour unterwegs zu sein. Allerdings stieg mit den Schneefällen auch die Lawinengefahr an, wodurch auch die Möglichkeiten für Skitouren etwas eingeschränkt bleiben.

Die Dolomiten haben wieder ein Winterkleid bekommen. Blick Richtung Langkofel am Grödnerjoch (Foto: Ludwig Gorfer, 09.02.2026).
Nach den letzten Schneefällen ist die Schneehöhe (pinke Linie) etwas angestiegen, liegt aber nach wie vor unter dem langjährigen Mittel (graue Linie). Die geringmächtige Schneedecke hat die aufbauende Umwandlung und folglich die Bildung persistenter Schwachschichten gefördert. (Quelle: Beobachter Schneemessfeld Obereggen).

Die Lawinengefahr geht von stark ausgeprägten Schwachschichten in der Schneedecke aus: Die Basis der Schneedecke besteht aus großen Becherkristallen; zusätzlich wurde während der letzten Schneefälle Oberflächenreif eingeschneit. Diese Schwachschichten werden von einem gebundenen Schneebrett überlagert (auch, weil der Wind während der Niederschläge zeitweise stürmisch geweht hat), welche die Energie für eine Bruchfortpflanzung sehr gut übertragen können. Das primäre Lawinenproblem geht vom Altschnee aus, sekundär vom Triebschneeproblem.

Am Gletscher unterhalb der Suldenspitze waren die Bedingungen am Wochenende zum Skifahren gut: Gletscherspalten waren geschlossen und die Schneedecke ist nur wenig vom Wind beeinflusst (Foto: Martin Abler, 08.02.2026).

Wir bekommen zurzeit sehr viele Rückmeldungen zu Gefahrenzeichen im Gelände (Wummgeräusche, Risse, spontane Lawinen und Fernauslösungen), welche die ausgeprägete Instabilität der Schneedecke bestätigen. Auch in Sonnenhängen war es zurzeit möglich Schneebrettlawinen auszulösen.

Die Gefahrenstellen sind gerade recht schwierig zu erkennen (typisch für ein Altschneeproblem) und Lawinen können leicht ausgelöst werden, zurzeit auch aus der Ferne. Lawinen sind zwar meist mittelgroß (Größe 2), vereinzelt große Lawinen (Größe 3) sind noch nicht ganz ausgeschlossen.

Außerhalb der Piste empfiehlt es sich steile Schattenhänge zu vermeiden und auch im flacheren Gelände auf die steileren Hänge darüber (Fernauslösungen) zu achten.

Vorhersage

Am Valentinstag wird es ein paar schache Schneefälle geben. Mit der schlechten Sicht ist es noch schwieriger Gefahrenstellen zu erkennen. Anfang nächster Woche sind weitere Schneefälle möglich. Aktuelle Infos findet man auf lawinen.report.

Vorhergesagte Neuschneesummen für Ratschings auf 1962 m (Quelle: Geosphere Austria).

Rückblick

Während dem letzten Wochenende und den darauffolgenden Tagen haben wir viele Rückmeldungen aus dem Gelände bekommen, hier ein paar davon:

Risse in der Schneedecke bei der Seebodenspitze am Reschensee. Es sind alle Zutaten für eine Schneebrettlawine vorhanden, auch eine Hangneigung über 30°. Dennoch hat sich keine Lawine gelöst. Die Bruchfläche war vermutlich zu rau, sodass die Lawine trotz einer Neigung von über 30° nicht abrutschen konnte. (Foto: Michael Buchecker, 08.02.2026).
Oberflächenreif am Grödnerjoch in den Grödner Dolomiten. Der Oberflächenreif wurde während der Niederschläge dieser Woche eingeschneit und wurde somit zu einer potentiellen Schwachschicht (Foto: Ludwig Gorfer, 09.02.2026).
Große Becherkristalle in der Basis der Schneedecke bei der Seebodenspitze am Reschensee (Foto: Michael Buchecker, 08.02.2026).
Schneeprofil in der Nähe der Bergstation des Skilifts Vallon in der Sellagruppe, an einem Nordhang auf 2520 m. Die Basis der Schneedecke besteht aus einer Abfolge von großen Becherkristallen, die von Schmelzkrusten durchsetzt sind. Bei einem ECT konnte in einer dieser Schichten beim 14. Schlag ein Bruch ausgelöst werden, der sich durch den gesamten Block ausbreitete. Im oberen Teil der Schneedecke befindet sich im gebundenen Schnee eine weiche Schicht: während eines ECTs kam es bereits beim Schneiden zu einem Bruch (gesamter Block) in einer Schicht aus Oberflächenreif. Zusammengefasst, ein Schneeprofil, das die schwache Schneedecke bestätigt (Quelle: Forststation Stern - Abtei, 05.02.2026).

Wir haben viele Rückmeldungen von spontanen Lawinen und Fernauslösungen bekommen:

Mittlere Schneebrettlawine, die an einem Nordhang neben der Hohen Kreuzspitze, Ratschings, fernausgelöst wurde (Foto: Helmuth Gschnitzer, 09.02.2026).
Schneebrettlawine am Sextenstein in den Sextner Dolomiten. Es wurde eine Suchaktion gestartet, um eventuelle Verschüttete zu bergen, zum Glück wurde niemand verschüttet (Foto: Bergrettung Sexten, 09.02.2026).
Fernausgelöste Schneebrettlawine bei der Jaufenspitze in der Hirzergruppe (Foto: Peter Payer, 08.02.2026).
Mittlere Schneebrettlawine am Zinseler im Seiterbergtal bei Sterzing (Foto: Bernhard Mock, 08.02.2026).
Mittlere Schneebrettlawinen am Frisiberg in Antholz (Foto: Lukas Troi il 08.02.2026).
Diese Lawine wurde am Saxner von einem Skifahrer ausgelöst. Diese Lawinen hat dann eine weitere Lawine fernausgelöst (links im Bild): typisch für das Altschneeproblem (Foto: Roland Mayrhofer, 08.02.2026).
Mittlere Schneebrettlawine, die zwischen der Kachelstube und In der Stange im Ultental beobachtet wurde (Foto: Herbert Thaler, 08.02.2026).
Schneebrettlawine, die von einem Skifahrer am Saxner in Ratschings ausgelöst wurde (Foto: Roland Wimmer, 07.02.2026).
Fernausgelöste mittlere Schneebrettlawine in einem Westhang am Gabler in den Lüsner Bergen (Laura Stephan, 07.02.2026).
Valanga a lastroni innescata a distanza vicino alla cima Hoher Mann, in Val Casies (Foto: Stephanie Marcher, 06.02.2026).
Große Schneebrettlawine (Größe 3, es hat sich der gesamte Hang gelöst) im Nordhang des Lavinores (Sas dla Para), in der Fanesgruppe (Max Willeit il 05.02.2026).

Analyse des Unfalls an der vorderen Schöntaufspitze am 05.02.2026

Eine Gruppe von drei Skifahrern fuhr mit dem Sessellift Schöntauf II in die Höhe und begab sich auf den Sattel westlich der Vorderen Schöntaufspitze. Kurz nachdem sie die Abfahrt außerhalb der Piste begonnen hatten, wurden sie von einer großen Lawine erfasst: Zwei Skifahrer wurden vollständig von der Lawine verschüttet, während der dritte Skifahrer verletzt an der Oberfläche zurückblieb. Ein Hubschrauber der Bergrettung war vor Ort, um abzuklären, ob es in einer Lawine, die an einem Sonnenhang oberhalb der Madritschhütte gemeldet worden war, Verschüttete gab (nach eingehender Suche wurden keine Verschütteten gefunden). Die Rettungskräfte bemerkten dabei den verletzten Skifahrer, der in der anderen Lawine nach seinen verschütteten Begleitern suchte, und leiteten eine Suchaktion nach den beiden verschütteten Skifahrern ein. Leider konnten diese nur noch leblos in einer Tiefe von 0,6 m und etwa 1,5 m geborgen werden.

Es handelt sich um eine große Lawine (Größe 3), die sich auf ca. 3050 m in einem nach Nordweshang mit einer Neigung zwischen 36° und 40° gelöst hat.

Foto des Anbruchgebiets der Lawine (Foto: Finanzpolizei, 05.02.2026).
Ungefährer Umfang der Lawine mit der ungefähren Position der verschütteten Skifahrer (Foto: Finanzpolizei, 05.02.2026).

Analyse des Unfalls am Plattinger - Kratzberger See am 08.02.2026

Zwei Wintersportler begaben sich von Meran 2000 aus in die Nordosthänge oberhalb des Kratzberger Sees zwischen dem Plattinger und der Hinteren Verdinser Plattenspitze und fuhren eine Rinne ab. Als einer der beiden voraus fuhr, um wieder zurück ins Skigebiet zu queren, löste sich ein Lawine, riss den Snowboarder mit sich und verschüttete ihn am Hangfuß unter nicht ganz einem Meter Schnee. Leider konnte der Mitgerissene nur noch tot geborgen werden.

Es handelt sich bei dieser Lawine um eine Lawine mittlerer Größe (Größe 2), die sich in felsdurchsetztem Gelände auf einer Höhe von etwa 2500 m löste.

Bei einem Lokalaugenschein vor Ort wurde an der Anbruchkante der Lawine eine Schneedeckenuntersuchung durchgeführt:

Schneeprofil in der Sturzbahn unterhalb eines Felsblocks, der die Lawine geteilt hatte. Die Basis der Schneedecke besteht aus großen Becherkristallen unterhalb einer dünnen, harten Schmelzkruste. Unter dieser Kruste wurde beim Stabilitätstest (ECT) beim 15. Schlag ein Bruch ausgelöst, der sich sogleich durch den ganzen Block ausbreiten konnte. Darüber ist der Schnee kompakt und gebunden und wird von einer dünnen Schicht aus Oberflächenreif durchzogen. Bei einem weiteren ECT brach der Block bereits beim Schneiden, allerdings waren hier sehr viele Alpenrosen an der Basis, die das Ergebnis etwas verfälschen.
Foto des ECT Blocks nach der Durchführung des Stabilitätstests. Man erkennt wie sehr sich der ganze Block durch den Bruch gesetzt hat. Außerdem erkennt man, dass die Bruchfläche sehr rau ist: Während links die Schwachschicht direkt unter der Kruste gebrochen ist, ist sie mittig ehr weiter unten, fast am Boden gebrochen. Im oberen Drittel des Blocks erkennt man rechts in hellem Grau die Schicht aus Oberflächenreif. (Foto: Lawinenwarndienst Südtirol, 09.02.2026).
Ungefährer Umriss der Lawine. (Foto: Bergrettung Sarntal, 09.02.2026)

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