Achtung vor den frischen Triebschneeansammlungen -- Lawinenunfall Hartdegen Weg - Rein in Taufers, 29.12.2025

 Seit dem letzten Blogeintrag hat sich die Schneesituation eigentlich kaum verändert. Skitouren kann man im Großteil des Landes aufgrund des Schneemangels eigentlich kaum unternehmen: Die Schneedecke ist oft nicht zusammenhängend und man muss wegen der Verletzungsgefahr durch nicht sichtbare, eingeschneite Steine sehr vorsichtig unterwegs sein. Die Schneedecke ist oft kantig aufgebaut, weiters findet man teilweise auch eine oberflächennahe Schmelzharschkruste.

Mögliche Lawinen sind meist nur klein, es gilt jedoch die Absturzgefahr durch Lawinen zu bedenken. Deshalb können auch kleine Lawinen fatale Folgen haben, wie der gestrige Unfall in Rein in Taufers gezeigt hat.

Aktuell ist die Lawinengefahr mäßig, dies aufgrund des Triebschneeproblems, das durch den momentan starken Wind in den Vordergrund gerückt ist. In Schattenhängen in hohen Lagen und im Hochgebirge lagert der frische Triebschnee auf weichen Schichten und ist damit störungsanfällig, dies speziell in Kammnähe sowie in Rinnen und Mulden. Sehr vereinzelt können Lawinen auch noch im schwachen Altschnee ausgelöst werden.

Im Bild die Klein Gitsch im Bereich des Skigebietes Gitschberg. Aufgrund des wenigen Schnees sind Skitouren kaum möglich, in Sonnenhängen liegt sehr wenig Schnee. (Foto: Thomas Engl, 25.12.2025).
In der Nähe des Speikbodens, im schattigen Gelände auf ca. 2150 m besteht die Schneeoberfläche aus ein wenig Neuschnee auf einer tragfähigen Schmelzharschkruste. Unter der Kruste besteht die Altschneedecke aus kantig aufgebautem Schnee, d.h. aus kantigen Kristallen sowie Becherkristallen. Generell liegt auch hier nur wenig Schnee, die Abfahrt ist nur über die Piste möglich. (Foto: Lawinenwarndienst Südtirol, 25.12.2025)
Die langjährigen Beobachterdaten aus Pfelders zeigen, dass die aktuelle Schneehöhe (pinke Linie) deutlich unter dem langjährigen Schnitt (graue dicke Linie) liegt.

Für annehmbare Skibedingungen gilt es v.a. vergletschertes Gelände aufzusuchen, das im Idealfall wenig vom Wind beeinflusst wurde. Dabei muss man aber bedenken, dass Gletscherspalten wenn überhaupt nur durch eine dünne Schneedecke verdeckt sind und somit Spaltensturzgefahr besteht. Vergangenes Wochenende kam es an der Marmolada zu einem tödlichen Lawinenunfall bei dem ein Skifahrer durch eine Lawine in eine Gletscherspalte gestürzt ist.

Gute Bedingungen gibt es auf der Suldenspitze. (Foto: Martin Abler, 29.12.2025)

Kurzer Rückblick

Das im Dezember vorherrschende trockene Hochdruckwetter wurde am Heiligen Abend von einer Störung unterbrochen, die besonders in den Südstaulagen bis zu 15 cm Schnee gebracht hat, lokal auch etwas mehr. In Kombination mit dem teils starken Ostwind hat sich v.a. in Schattenhängen Triebschnee gebildet, der auf auf einer ungünstigen Altschneeoberfläche zu liegen kam.

Auf der Berglalm im Schnalstal fielen 10 bis 15 cm Neuschnee. (Foto: Ehrenfried Weithaler, 25.12.2025)
Schneebrettlawine (Größe 2) an der Nordseite des Hintergratkopfes in Sulden auf ca. 2650 m. (Foto: David Spath, 25.12.2025)

Aussichten

Die Wettermodelle berechnen für die nächsten Tage keine nennenswerten Niederschläge.

Nach einer recht milden Wetterphase sind die Temperaturen seit gestern auf tiefwinterliche Werte gesunken. Auf der Lengspitze in Prettau auf 3105 m wurden -18 °C gemessen. In den nächsten Tagen wird sich daran nicht viel ändern, damit bleibt der Triebschnee störungsanfällig.

Vorhersage Neuschnee für die Ortlergruppe auf ca. 2600 m (Quelle: Geosphere Austria).

Lawinenunfall Hartdegen Weg - Rein in Taufers, 29.12.2025

Gestern hat sich um 17:00 Uhr ein tödlicher Lawinenunfall in der Rieserfernergruppe ereignet. Dies war nach dem dem Lawinenunfall an der Vertainspitze der zweite uns bekannte Lawinenunfall in Südtirol. Die Bilanz für diesen Winter liegt damit bei sechs Todesopfern.

Ein Mann und eine Frau waren gestern mit Schneeschuhen auf dem Hartdegen Weg nordwestlich des Riesernocks unterwegs, als eine kleine Lawine den Mann im sehr steilen Gelände mitriss und zum Absturz brachte. Die Frau setzte darauf hin den Notruf ab und eine große Rettungsaktion begann.

Übersicht: Der gelbe Pfeil kennzeichnet an seinem Anfangspunkt den Anbruchort der Lawine und zeigt zum tiefsten Punkt der Lawinenablagerung. Oben links im Bild sieht man im Talboden den Ort Rein in Taufers, rechts am unteren Bildrand den Hochgall (roter Punkt), in Bildmitte ist die Kassler Hütte (grüner Punkt) markiert, der violette Punkt zeigt den Riesernock. (Foto: https://mapview.civis.bz.it/)
In Bildmitte sieht man die Lichtkegel der zwei Hubschrauber, die in der Dunkelheit den Einsatz abwickeln. (Foto: https://www.foto-webcam.eu/webcam/rein/2025/12/29/1750)

Es handelte sich um eine kleine Schneebrettlawine, die im sehr steilen, nordwestexponierten Gelände angebrochen ist. Sie war knappe 10 m breit, die Anbruchhöhe liegt bei 10 bis 40 cm (geschätzt).

Die Sturzbahn der Lawine verlief über eine Felswand. Das Unfallopfer erlag den durch den Absturz erlittenen Verletzungen. (Foto: Martin Dejori - Aiut Alpin Dolomites, 29.12.2025)
Anbruch der kleinen Schneebrettlawine. (Foto: Martin Dejori - Aiut Alpin Dolomites, 29.12.2025)

Bei dieser Lawine handelt es sich um eine Lawine aus etwas älterem Triebschnee, der sich am 24.12 und in der Nacht vom 26.12 auf den 27.12 gebildet hat (siehe Stationsgrafik unterhalb).

Als Schwachschicht kommt entweder die kantig aufgebaute Altschneeoberfläche oder filziger Schnee (vom Schneefall vom 24.12) in Frage.

Im Dezember gab es an der nahe am Unfallort gelegenen neuen Station Tristenboden kaum nennenswerten Niederschlag. Ein paar cm Neuschnee gab es zu Heilig Abend. Die klaren Tage und Nächte führten damit besonders im schattigen, nordexponierten Gelände in der Höhe zur aufbauenden Umwandlung der Schneeoberfläche. Mit auffrischendem Wind (24.12 sowie 26. und 27.12) konnten somit ohne nennenswerten Schneefall kleine Triebschneepakete aus dem wenigen Neuschnee und der teilweise lockeren Altschneeoberfläche entstehen. (Quelle: https://lawinen.report/weather/stations )

Der Lawinenwarndienst Südtirol wünscht allen ein gesundes und fröhliches neues Jahr 2026.

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