Aktuell Frühjahrsituation auf unseren Bergen - Analyse der Lawinenunfälle am Flimjoch (Ulten) und am Inneren Nockenkopf (Rojen)

 

Kurzer Rückblick und aktuelle Situation

Am vergangenen Wochenende hat eine zunächst östliche, dann allmählich auf Nord drehende Anströmung vor allem am Ortler und teilweise auch am Alpenhauptkamm (v.a. Ahrntaler Berge) Neuschnee gebracht. Lokal fielen 40 cm Schnee, so z.B. an der Station Madritsch auf 2825 m in Sulden.

72 Stunden Schneehöhendifferenz von Samstag 29.03 bis Montag 31.03. Die Werte in den Kreisen zeigen die Unterschiede in der Schneehöhe direkt an Messstationen an (die Differenz beinhaltet die Setzung sowie mögliche Veränderungen durch Schmelze oder Windverfrachtung). Die Karte wird über räumliche Interpolation aus diesen Werten sowie anderen Messungen und auch Schneedeckenmodellen unter Berücksichtigung der Orografie erstellt.

Die Schneefälle wurden von teils stürmischem Wind aus nördlichen Richtungen begleitet. In den neuschneereichsten Gebieten wurde somit Gefahrenstufe 3 - erheblich erreicht, die Lawinenprobleme die dafür verantwortlich waren waren Triebschnee und Altschnee.

In der Folge führten die langsam steigenden Temperaturen und die Sonnenstrahlung zu einer allmählichen Verfestigung des Triebschnees. Mit heute erreicht die Nullgradgrenze aber fast die 3000 m Marke, damit muss man dem Nassschneeproblem immer mehr Beachtung schenken.

Momentan ist die Schneedecke im steilen südseitigen Gelände schon bis ins Hochgebirge zumindest oberflächlich angefeuchtet, im nordexponierten Gelände liegt das Niveau deutlich tiefer. Es herrscht aktuell eine typische Frühjahrssituation. Besonders morgen muss man mit einem Tagesgang der Lawinengefahr rechnen, mit einem Anstieg der Gefahr von Nassschneelawinen im Tagesverlauf aufgrund des Nassschneeproblems: es empfiehlt sich Touren früh zu starten und zu beenden. Am Sonntag schwächt sich das Nassschneeproblem mit dem Temperaturrückgang wieder ab.

Frühlingshafte Bedingungen in den Sonnenhängen der Oberettesspitz in Schnals mit einer spontanen Lockerschneelawine im sonnenexponierten Gelände. (Foto: Robert Kofler, 03.04.2025)

Analyse des Lawinenunfalls am Flimjoch, Ulten - 30.03.2025

Eine Vierergruppe befand sich im Aufstieg Richtung Flimjoch im Ultental als sich oberhalb von ihnen eine Schneebrettlawine löste und zwei Personen mitriss. Eine Person wurde total verschüttet, die andere teilweise. Die Kameradenrettung funktionierte sehr gut und schnell da auch andere noch Anwesende zu Hilfe kamen: nach nur wenigen Minuten konnte die total verschüttete Person aus den Schneemassen befreit werden. Die Bergrettung hat die zwei Mitgerissenen zur Kontrolle ins Krankenhaus geflogen.

Bild der Unfalllawine (Größe 2) Richtung Anbruch. Der Anbruch der Lawine befindet sich auf ca. 2800 m in einem Südosthang, die Neigung liegt zwischen 36 und 40°. (Quelle: Bergrettung Ulten, 30.03.2025)

Analyse des Lawinenunfalls am Inneren Nockenkopf in Rojen am 1. April 2025

Am vergangenen Dienstag um die Mittagszeit kam es am 2768 m hohen Inneren Nockenkopf zu einem Lawinenunfall bei dem ein junger Mann von einer Lawine mitgerissen wurde. Er wurde nicht verschüttet und musste aber aufgrund seiner Verletzung vom Hubschrauber ins Krankenhaus geflogen werden. Es folgen Bilder mit den Details zum Schneedeckenaufbau der Lawine:

Bild der Unfalllawine. Die Lawine brach direkt unter dem Gipfel in einem sehr steilen (ca. 37°) Osthang auf ca. 2740 m an. Die Sturzbahn der Lawine geht durch extrem steiles, teils felsdurchsetztes Gelände. Bei der Lawine handelte es sich um eine mittlere Lawine (Größe 2). (Foto: Lawinenwarndienst Südtirol, 02.04.2025)
Blick auf die Anbruchkante der Lawine. Zunächst ist nur der frische Triebschnee als Lawine abgegangen, in der Folge brach die Lawine in tiefere Schichten und teils bis zum Boden durch. Dies bestätigte das primär vorhandene Triebschneeproblem und das immer noch vorhandene Altschneeproblem. (Lawinenwarndienst Südtirol, 02.04.2025)
Direkt an der Anbruchkante wurde eine Schneedeckenuntersuchung mit Stabilitätstest (ECT) durchgeführt. Auf dem Bild sieht man die Brüche in der Schneedecke sehr schön: beim 11. Schlag kam es in einer kantigen Schicht unter dem frischen Triebschnee zu einem Bruch mit Fortpflanzung, in weiterer Folge gab es beim 22. und 27. weitere Brüche mit Fortpflanzung in tieferen Schichten der Schneedecke. Dies passt sehr gut mit dem Anbruch der Lawine und den Beobachtungen in der Sturzbahn überein. (Foto: Lawinenwarndienst Südtirol, 02.04.2025)
Hier das zu obigem Bild passende Schneeprofil. An der Oberfläche lagert das harte Triebschneebrett auf einer kantigen Schwachschicht. Darunter sind die zwei weiteren Schwachschichten aus kantigen Kristallen, die zu den Brüchen mit Fortpflanzung passen, gut zu erkennen. Aufgrund des fehlenden Temperaturgradienten im unteren und zentralen Teil der Schneedecke findet man immer häufiger kantig abgerundete Kristalle in diesen Bereichen der Schneedecke.

Wie geht es weiter?

Laut den aktuellen Prognosen fallen am östlichen Alpenhauptkamm am Wochenende ein paar Schneeflocken, sonst sind bis Monatsmitte keine nennenswerte Niederschläge in Sicht, es bleibt trocken. Nach dem vorübergehenden Temperaturrückgang am Sonntag steigen die Temperaturen in der neuen Woche wieder langsam an, damit rückt das Nasschneeproblem in der nächsten Woche wieder in den Vordergrund.

Prognostizierte Neuschneemenge für das obere Vinschgau, Raum Reschen auf 2485 m. (Quelle: Geosphere Austria)

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