Mit starker Erwärmung zeichnet sich erster Nassschnee- Lawinenzyklus ab
Aktuelle Situation
Das beständige, mitunter winterlich kalte Hochdruckwetter der letzten Wochen ist passè und ein für die Jahreszeit typischer, frühlingshafter Zyklus mit Nassschneelawinen steht uns bevor.
Rasche Durchfeuchtung der Schneedecke
Am heutigen Mittwoch, 16.03. und morgen Donnerstag wird es sehr mild, die Nullgradgrenze steigt auf 3000 m. In den vergangenen beiden Nächten war der Himmel überwiegend bewölkt und die Schneedecke konnte somit kaum Wärme abstrahlen. Die Folge ist, dass sich nur ein dünner Schmelzharschdeckel an der Schneeoberfläche bilden konnte. Die Dicke der Oberflächenkruste kann mit einem Puffer gleichgesetzt werden, der einer zunehmenden Durchfeuchtung der Schneedecke entgegenwirkt, da dieser tagsüber zunächst aufgeschmolzen werden muss, bevor die Wärme in tiefere Schichten eindringen kann. Der dünne Schmelzharschdeckel wird aufgrund der warmen Temperaturen, direkter Sonneneinstrahlung und - aufgrund der Restbewölkung - auch diffuser Strahlung heute Mittwoch schnell aufgeschmolzen sein und es kommt zu einer zunehmenden Durchfeuchtung der Schneedecke. Dies betrifft in erster Linie die sonnenbeschienenen Ost-, Süd- und Westhänge sowie alle Expositionen in mittleren Lagen (sofern noch Schnee liegt). Es ist allerdings auch davon auszugehen, dass auch Nordhänge bis in hohe Lagen oberflächlich angefeuchtet werden.
Was ist die Folge?
Bereits am späten Vormittag sind aus steilen Sonnenhängen kleine bis mittlere nasse Lockschneelawinen zu erwarten. Zunächst vor allem an eher schneearmen Stellen. Ab Mittag und am Nachmittag verliert die Schneedecke zusehends an Festigkeit und Auslösebereitschaft von Nassschneelawinen nimmt weiter zu. Es sind sowohl nasse Schneebrettlawinen, Lockerschneelawinen sowie – in den schneereicheren Gebieten – auch warme Gleitschneelawinen möglich.
Generell ist die potenzielle Größe von Lawinen naturgemäß abhängig von der Schneemächtigkeit und seiner Verteilung. In den nördlichen Landesteilen liegt generell mehr Schnee als im Süden, dies gilt ganz besonders für die Südhänge, die im Süden oft schon bis weit hinauf aper sind. Das heißt die Wahrscheinlichkeit von größeren Lawinen ist auf Südhängen im Norden Südtirols größer und folglich auch die Gefahr höher. An Schattenhängen
oberhalb der Waldgrenze ist keine Aktivität zu erwarten.
| Am Zillertaler Alpenhauptkamm liegt an Südhängen noch einiges an Schnee. Eine Aufnahme im Aufstieg auf die 3. Hornspitze (Berlinerspitze). (Foto: Lawinenwarndienst Südtirol, 13.03.2022) |
| Blick vom Sellajoch Richtung Langkofel. Generell liegt in den südlichen Landesteilen sehr wenig Schnee, südexponierte Hänge sind bis weit hinauf aper. (Foto: www.dolomitesmeteo.it , 16.03.2022) |
Die Nacht auf Donnerstag, 17.03. zeigt sich dann erneut teils bewölkt. Auch die hohen Konzentrationen an Saharastaub in höheren Luftschichten verhindert eine gute Abstrahlung der Schneedecke. Das heißt, auch am Donnerstag starten wir mit einem unzureichenden Puffer (dünne Schmelzharschkruste) in den Tag und die Entwicklung gestaltet sich ähnlich zum Vortag. Die Nassschneelawinenaktivität wird sich dann von den Südhängen (SE-S-SW) zunehmend in die Ost- und Westexpositionen verschieben.
| Sehr hohe Saharastaubkonzentrationen färbten den Himmel gestern zeitweise braun. Auf der Schneedecke war noch keine Ablagerung zu beobachten. (Foto: Lawinenwarndienst Südtirol, 15.03.2022) |
| Heute sieht man auf den Webcams die Ablagerungen auf der Schneedecke deutlich. (Foto: www.foto-webcam.eu , 16.03.2022) |
Kurzum: Die Schneequalität Abseits der Pisten ist in den nächsten Tagen unterdurchschnittlich. Nordseitig wird der noch trockene Schnee weit hinauf angefeuchtet. In Sonnenhängen wird die Schneedecke zusehends faul. Die Schmelzharschkruste ist bereits am Morgen entweder nicht vorhanden oder aber nicht tragfähig. Dazu kommt ein Anstieg der Lawinengefahr im Tagesverlauf.
Ein frühzeitiges Beenden von Touren ist jedenfalls anzuraten.
Ausblick
Die Temperaturen gehen bereits ab Freitag, 18.03. wieder langsam zurück und die Nullgradgrenze pendelt sich am Wochenende wieder unter 2000 m ein. Damit sinkt auch die Gefahr von Nass- und Gleitschneelawinen.
Ergiebiger Niederschlag oder gar Schneefall ist weiterhin keiner in Sicht. Damit schreitet die Schneeschmelze weiterhin langsam voran und der Winter wird allmählich vom Frühling abgelöst.
| Neuschneevorhersage für die Ortlergruppe. Laut den aktuellen Modellen sind keine nennenswerten Schneefälle in Sicht. |
Rückblick
Seit Monatsbeginn sorgte ein kräftiges Hochdruckgebiet für eine sonnige und trockene Wetterlage in Südtirol. Bei kalten Temperaturen, niedriger Luftfeuchtigkeit und entsprechend meist sternenklaren Nächten und wolkenlosen Tagen baute sich die Schneedecke in Schattenhängen aufbauend um. Die Folge war eine zum Teil bis zum Boden bindungslose Schneedecke. Mancherorts konnte allerdings auch noch recht guter (recycelter, kantig aufgebauter) Pulverschnee gefunden werden.
Das Altschneeproblem im Bereich Langtaufers und Münstertaler Alpen trat so immer mehr in den Hintergrund, da durch die aufbauende Umwandlung die Schneedecke oberhalb von Schwachschichten Brüche nicht mehr fortzuleiten vermochte.
An steilen Sonnenhängen hingegen hat durch die bereits starke Sonneneinstrahlung bis in hohe Lagen die Schmelzumwandlung eingesetzt. In der Nacht hat sich ein oft tragfähiger Schmelzharschdeckel gebildet, der tagsüber langsam aufgeweicht wurde.
An allen Expositionen konnte sich so die Schneedecke stabilisieren und es stellte sich eine außergewöhnlich lange Phase geringer Lawinengefahr ein.